Was aus faszinierenden Illusionen zu lernen ist
Der Mensch ist manchmal blind für das Offensichtliche. Es muss nicht King Kong sein, der an New Yorks Wolkenkratzern herumturnt. Normalerweise ist ein Gorilla groß und auffallend genug, um nicht übersehen zu werden. Selbst ein Mensch in einem schwarzen Affenkostüm, der winkend über die Straße läuft, müsste Passanten auffallen. Aber was ist das schon: normal?
Sie sollten gut aufpassen, und die Pässe des weißen Teams zählen. Mit dieser Anweisung führten US-Psychologen Tausenden von Probanden einen 23 Sekunden langen Film vor. Darauf je drei Spieler in schwarzen und weißen Trikots, die sich einen Basketball zuwarfen.
Die Versuchsteilnehmer zählten brav und nannten am Ende ihr Ergebnis. Doch darum ging es nicht.
Ob ihnen „etwas Ungewöhnliches“ aufgefallen sei, fragte das Team um Daniel Simons von der University of Illinois in Urbana-Champaign anschließend. „Nein“, gaben 80 Prozent der Beobachter zu Protokoll. Darauf ließen die Forscher das Video erneut laufen, diesmal ohne die Zählaufgabe. Nun sahen plötzlich fast alle den Gorilla, bzw. den Menschen im Fellgewand, wie er seelenruhig an den Spielern vorbeitrottet, sich auf halbem Weg dem Betrachter zuwendet, mit den Händen auf die Brust trommelt und weiterbummelt – fünf Sekunden lang. Wie Analysen zeigten , hatten die „blinden“ Beobachter die Figur eine Sekunde direkt angeblickt – und sie doch nicht wahrgenommen.
Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Die Brille zu suchen, die auf der Nase sitzt. Grübeln statt zu genießen, keinen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden: Wie es scheint, tritt uns in Gestalt des Affen ein alter und gar nicht so beliebter Bekannter aus der Welt der Einbildung entgegen. Doch seit das Phänomen ein Gesicht bekommen hat, stöbern Wissenschaftler es allerorten auf: etwa wenn Zauberer das Publikum illusionieren, wie jüngst in der TV-Show mit Uri Geller geschehen. Oder wenn Autofahrer bei klarem Bewusstsein einen Kreisverkehr übersehen und dabei ihren Wagen ruinieren. Selbst in der Persönlichkeitstherapie hat das Felltier neuerdings einen festen Platz.
„Was ist der Gorilla in Ihrem Leben?“, fragt der Heidelberger Psychologe Kopp-Wichmann zuweilen seine Klienten, wenn sie sich in seiner Praxis darüber wundern, dass sie zwar ihre Ziele erreicht haben, aber dabei nicht glücklich sind. „ Es stellt das Weltbild vieler Menschen auf den Kopf, dass es wichtige Dinge geben könnte, die sie nicht sehen, obwohl sie sie direkt vor Augen haben“, so Kopp-Wichmann.
Der klassische Fall in Beziehungen ist der, dass Ehemännern die neue Frisur ihrer Partnerin entgeht. Gar nicht ulkig ist es, wenn eine Frau die Scheidung einreicht und der Mann davon völlig überrascht ist, weil er nicht mitbekommen hat, dass sie seit Jahren vergeblich versuchte, über ihre Unzufriedenheit zu reden.
Scott Waddle, Kommandant des Atom-U-Boots „USS-Greeneville“, lud aus Unachtsamkeit eine Schuld auf sich, die er „mit ins Grab nehmen“ werde.
Am 9. Februar 2001 befand sich der damals 41-Jährige vor der Küste von Hawaii. Auf der Brücke standen zahllose neugierige Besucher. Die „Greeneville“ sollte auftauchen, und Waddle suchte die Umgebung mit dem Persikop ab – und übersah das Naheliegende: den 58 Meter langen Trawler „Ehime Maru“. Zehn Minuten nach der folgenden Kollision sank das japanische Schulungsschiff. Neun Menschen ertranken, Waddle musste die Navy verlassen.
Der Gorilla hat Konjunktur. Warum, das zeigt ein Zaubertrick, der einen Daumen verschwinden lassen kann: Strecken Sie Ihre Arme vor sich aus, die Daumen nach oben. Jetzt ein Auge schließen und mit dem anderen den Nagel des gegenüber liegenden Daumens fixieren. Diesen stillhalten, den anderen darauf zu bewegen. Wenn Sie einen bestimmten Winkel erreicht haben, verschwindet der bewegte Daumen im Hintergrund, z.B. der Tapete.
Die gerade Linie vom Finger ins Auge endet nun im blinden Fleck.Er heißt so, weil das Gehirn von dort keine Informationen aus der Netzhaut erhält. Die Fasern des Sehnervs verlassen hier das Auge, und für Sehzellen ist kein Platz. Der Mensch sieht aber kein Loch, er hat den Eindruck, dort wäre Hintergrund.
Erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde der blinde Fleck entdeckt. Während millionen von Jahren war er unseren Vorfahren verborgen geblieben – und im Alltag ist er es weiterhin. „Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen“, beschrieb der Philosoph und Physiker Heinz von Förster den entscheidenden Sachverhalt.
„Alles, was wir wahrnehmen, ist die Folge einer Interpretation durch das Gehirn“, erklärt Heinrich Bülthoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Biologische Kybernetik in Tübingen. Die Konstruktionen sind ein Mittel des Denkorgans und der Sinne, die Aufgabe der Wahrnehmung unter schwierigen Bedingungen zu erfüllen. Denn beim Fühlen, Riechen, Sehen, Tasten oder Schmecken gehen Informationen verloren. Im Auge zum Beispiel muss die dreidimensionale Welt auf der zweidimensionalen Netzhaut Platz finden. Nach diesem ersten Schritt der Datenreduktion prasselt immer noch eine enorme Flut von Informationen auf das Wahrnehmungssystem ein. Allein die Rezeptoren im Auge nehmen nach Schätzungen ein Gigabyte pro Sekunde auf. Das entspricht grob 500 000 Buchseiten. Diese Menge ist nur durch Filtern, Ausblenden, Fokussieren und Konzentrieren zu bewältigen.
Das Gehirn bedient sich daher einiger Grundregeln. Eine lautet: Nimm die einfachste Lösung als die richtige. Der japanische Künstler Shigeo Fukuda nutzte diese räumliche Schwäche – oder Stärke – zu seiner berühmten Piano-Illusion: Ein scheinbar abstraktes Kunstwerk aus schwarzen Flächen mit einem Hocke davor verwandelt sich in eine tadellosen Flügel – aber nur unter einer ganz bestimmten Perspektive im Spiegel betrachtet.
Es ist die Vor-Erfahrung des Menschen, die in dem Chaos von Linien, Reflexen und Farben der Umgebung bekannte Formen identifiziert. Manchmal ist der Drang, eine geläufige Gestalt zu erkennen, so groß, dass dabei ein Mensch zum Zwerg schrumpfen muss. Die Illusion funktioniert, wenn eine Person mit einem Stuhlgestell vorne steht, eine andere auf großer Sitzfläche hinten sitzt. In einem bestimmten Winkel verschmelzen Lehne und Beine zu einem Stuhl – der Zwerg ist nur ein Nebenprodukt. Den Trick – In Fachkreisen heißt er Beuchett-Stuhl – nutzte Regisseur Peter Jackson im „Herr der Ringe“-Epos, um die Hobbits auf die Leinwand zu Zaubern. Der italienische Künstler Felice Varini (www.varini.org) erzielt ähnliche Effekte. Er bepinselt Wohnräume scheinbar chaotisch. Unter nur einem Winkel fügen sich die Formen zur Gestalt.
Wer die Merkwürdigkeiten der menschlichen Wahrnehmung in die Kategorie „nett, aber nutzlos“ abschiebt, begeht einen gehörigen Fehler – sie sind Quellen von Unfällen. „Immer wieder verursachen Piloten von Kleinflugzeugen Bruchlandungen, wenn sie zum ersten Mal einen Großflughafen ansteuern“, bekennt Heiko Hecht, experimenteller Psychologe an der Universität Mainz. Die Ursache: Die Flugzeugführer schätzen ihre Höhe und damit die Zeit bis zum Aufsetzen falsch ein. Das liegt daran, dass die Pisten auf den Großflughäfen breiter sind und der unerfahrene Pilot daher denkt, er wäre noch weiter entfernt.
Hechts Spezialgebiet ist die Kontaktzeitschätzung, „ein universelles Problem“, wie er betont. Verlässt ein Fahre die Autobahn oder muss er vor einer Baustelle bremsen, kommt es zu Fehleinschätzungen, weil er sich an das Fahren mit hoher Geschwindigkeit gewöhnt hat.
Daneben sind Menschen generell unfähig, die Beschleunigung anderer Fahrzeuge einzuschätzen, wie Hecht herausfand. „Wir legen fälschlicher Weise die zuletzt geschätzte Geschwindigkeit zu Grunde“, berichtet der Psychologe. Ein Gegenmittel besteht darin, sich mehrmals zu vergewissern – und nicht dem mentalen Autopiloten das Steuer zu überlassen.
Die Aufmerksamkeit, die Erfahrenheit, die inneren Erwartungen, Stimmungen, Stress, aber auch, was unmittelbar vor einer Situation passiert ist, können wesentlich verändern, wie Menschen wahrnehmen und entscheiden. Die Neurowissenschaftler spreche im Fachjargon von Top-Down-Prozessen. Sie meinen damit Einflüsse „höherer“ Ebenen des Gehirns auf die „unteren“ Sinnessysteme, welche die Filter der Wahrnehmung enger einstellen oder in eine Richtung lenken.
So kommt es, dass Mannschaftssportler einen frei stehenden Mitspieler übersehen – nämlich dann, wenn sie auf ein bestimmtes Ziel fixiert oder mit dem Gegner beschäftigt sind.
Nach dem Bundesligaspiel am 20. Oktober 2007 bei Hansa Rostock berichteten die Zeitungen von einem „kuriosen Patzer“ des Schalker Keepers Manuel Neuer. Der 21-Jährige hatte den Ball aufgenommen und warf ihn Mitspieler Rafinha zu. Dabei übersah er einen Rostocker Gegner, der keine Mühe hatte, den Ball ins leere Tor zu kicken. Im Fernsehinterview bekannte der Torwart, der Trainer hätte ihm die Anweisung erteilt, schnell abzuwerfen, um Konter einzuleiten. „Der typische Fall des Gorilla-Effekts im Spiel“, glaubt Daniel Memmert von der Universität Heidelberg.
In den Versuchen des Sportwissenschaftlers übersah jeder zweite Handballer einen Mitspieler, wenn er mit der Instruktion aufs Feld gegangen war, auf den Abstand zum Gegner zu achten. Die Rate stieg auf 83 Prozent, wenn der Trainer zusätzlich die Anweisung gab, entweder ein Dribbling oder einen Distanzwurf zu versuchen. Bei unerfahrenen oder gestressten Spielern lag die Übersehensrate höher, bei Spitzensportlern niedriger.
„Je mehr Anteile einer Aufgabe automatisch ablaufen, desto offener bleiben wir für Unerwartetes oder neues“, bilanziert Memmert. Deswegen ist es besser, wenn ein Trainer kurz vor dem Wettkampf keine konkreten Anweisungen mehr gibt und stattdessen nur allgemein motiviert – etwa so, wie es Jürgen Klinsmann bei der WM 2006 vormachte.
Mitmenschen, ihre Überzeugungen und ihr Vorbild, sind wesentliche Einflussfaktoren unserer Wahrnehmung. Wenn ein Zauberer zweimal einen Ball hochwirft und ihn dabei mit Kopf- und Augenbewegungen beobachtet, unterliegen 68 Prozent der Zuschauer beim dritten Mal der Illusion, das Objekt sei durch die Decke geflogen, selbst wenn es die Hand des Magiers nicht verlassen hat. Die Probanden ließen sich von der Gestik und Mimik des Vorturners hinters Licht führen.
Wie Auswertungen ergaben, fixierten die Zuschauer nicht den Ball, sondern das Gesicht des Meisters. Weil er mit den Augen den geworfenen Ball zu verfolgen schien, unterlagen sie einer Täuschung. Die Beobachter glaubten dem Zauberer mehr als der physikalischen Realität. Ja, sie beharrten sogar auf dem Unsinn und strickten sich eine erklärende Geschichte dazu: Weil der Ball nicht mehr herab fiel, musste er verschwunden sein – logisch, oder?
Angesichts solcher Erkenntnisse ist es verständlich, warum sich die Gerichtsbarkeit mit der Bewertung von Zeugenaussagen so schwer tut: Einerseits haben unzählige Studien sehr gut belegt, dass auch neutrale Beobachter eine Situation extrem unterschiedlich wahrnehmen. Diesem theoretischen Wissen steht jedoch das intuitive Grundgesetz des persönlichen Miteinanders gegenüber, wonach wir unseren Sozialpartnern Aufmerksamkeit schenken und ihnen vertrauen.
So ist es schwer, den skurrilen Spielen des Richrad Wiseman von der britischen Universität Hertfordshire zu widerstehen. Der Psychologe schickt etwa Mitarbeiter auf die Straße, damit sie sich bei Passanten nach dem Weg erkundigen. Während die Befragten sich um eine Antwort bemühen, laufen wie zufällig Möbelpacker mit einer Tafel zwischen die Gesprächspartner. Dahinter nimmt ein anderer Assistent die Stelle des Fragenden ein – und die Passanten merken es nicht.
Auch ein paar verblüffende Kartentricks hat Wiseman auf Lager – die Videos dazu sind auf seiner Homepage (www.richardwiseman.com) zu sehen und gehören auf YouTube zu den Rennern: Da sitzt der Professor mit einer Mitarbeiterin am Tisch und fordert die Zuseher auf, die Zahl der Roten Karten in seiner Hand zu zählen.
Wer den Gorilla-Effekt kennt, wird gewarnt sein, und doch entgeht einem, dass im Verlauf des wort- und gestenreichen Vortrags Tisch, Hintergrund sowie Hemd und Bluse der Akteure ihre Farne wechseln – was nicht mehr funktioniert, sobald man davon weiß.
In einer Studie widmete sich Wiseman den Tricks eines Uri Geller und zeigte, wie Suggestion den Eindruck erzeugen kann, ein Löffel würde sich biegen. Dazu spielte der Psychologe Versuchspersonen verschieden Videos vor. In einem legte der „Magier“ das Besteck auf einen Tisch und behauptete – die Kamera blieb auf den Löffel gerichtet –, das Metall würde sich weiter biegen. Anschließend hängten deutlich mehr Zuschauer der Meinung an, der Trick hätte funktioniert (40 Prozent) als ohne Kommentar (fünf Prozent).
Als die Getäuschten Freunden vom gebogenen Löffel berichteten, unterschlugen sie, dass nur der „Zauberer“ von dem Effekt berichtet hatte. Drei Tage später, das Gedächtnis hatte den Vorgang bereits verarbeitet, waren die letzten Zweifel verscheunden. Der Löffel hatte sich auf dem Tisch gebogen. Wodurch? Mentale Kräfte!
Wiseman möchte mit seiner Arbeit zum allgemeinen Gorillasuchen aufrufen – ganz ernsthaft. „Es geht darum, dieselbe Situation, dasselbe Problem oder Ereignis aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Es geht darum, nicht die erstbeste Sichtweise zu akzeptieren, sondern verschiedene Wege auszuprobieren.“
Nur so, das ist fast müßig zu erwähnen, konnte ein Charles Darwin die Evolutionstheorie „erkennen“, obgleich sie doch bereits Millionen von Jahren am Werke war. Nur so vermochte ein Albert Einstein die Relativitätstheorie aufzustellen oder ein Vincent van Gogh die Moderne zu begründen. „Genie“, sagte der amerikanische Psychologe William James, „ist wenig mehr, als die Befähigung, auf eine nicht gewohnheitsmäßige Art zu sehen.“
Psychologe Kopp-Wichmann kann aus seiner täglichen Praxis Anregungen beisteuern, die es erleichtern, den Gorilla zu entdecken. An erster Stelle macht er eingeschliffene Verhaltensmuster dafür verantwortlich, dass wir Wesentliches manchmal aus den Augen verlieren. „Wer immer alles perfekt erledigen will oder ständig etwas beweisen muss, der verliert leicht den Sinn aus dem Blick“, so Kopp-Wichmann.
Auch im hohen Lebenstempo sieht er eine Ursache für Unachtsamkeit. Folglich rät der Psychologe, langsamer zu agieren. „Ruhig mal auf dem Sofa oder im Café sitzen und einfach nur umherschauen“, empfiehlt Kopp-Wichmann.
Manchmal kommt das Zotteltier gleichsam von selbst zum Vorschein, oder, wie Thomas Fraps sagt, „bei einer kleinen Verschiebung des Wahrnehmungsrahmens“. Der Münchner Zauberer tritt häufig bei betrieblichen Tagungen auf. Einmal, erzählt er, hatte die Belegschaft eines Familienunternehmens zwei Tage lang über anstehende Veränderungen diskutiert, es gab Befürworter und Gegner.
Fraps ging vor dem abschließenden Abendessen auf die Bühne und begann mit seiner Vorstellung. Als Einstieg in einen Trick reichte er dem in der ersten Reihe sitzenden Firmenchef ein Seil. Dieser möge doch bitte prüfen, ob das Ding so in Ordnung sei. Die beiden ziehen an einem Strick als würden sie ringen, wer gewinnt. Plötzlich sagt der Zauberer: „Wenn Sie nun loslassen, Herr Geschäftsführer, dann können wir mit der Veränderung beginnen.“