Katie, du sagst oft, dass uns nicht das ärgert, was in Wirklichkeit geschieht, sondern die Geschichten, die wir daraus machen. Wie können uns die eigenen Geschichten in unserem Kopf wütend machen?

Byron Katie: Niemand – und auch keine Situation – kann uns wütend machen. Das einzige, was uns wütend machen kann, sind Gedanken. „Er ist faul.“ „Sie hätte nicht lügen sollen.“ Nur wenn wir an einen aufreibenden Gedanken glauben – wenn wir unsere Gedanken mit der Realität verwechseln –, werden wir wütend, traurig oder deprimiert. Wir leiden nur dann, wenn wir an einen Gedanken glauben, der abstreitet, was ist. Wenn der Verstand völlig klar ist, dann ist das, was ist, das, was wir wollen.

Wenn du darauf achtest, wirst du feststellen, dass du dutzende Male am Tag solche Gedanken hast. „Die Leute sollten freundlicher sein.“ „Meine Nachbarn sollten sich mehr um ihren Rasen kümmern.“ „Die Schlange im Lebensmittelgeschäft sollte sich schneller vorwärts bewegen.“ „Mein Ehemann (oder meine Ehefrau) sollte mir zustimmen.“ „Ich sollte dünner sein (oder hübscher oder erfolgreicher).“ Mit solchen Gedanken willst du, dass die Wirklichkeit anders ist, als sie ist. Wenn du findest, dass das deprimierend klingt, hast du Recht. Aller Stress, den wir erleben, wird durch unsere Einwände gegen das verursacht, was ist. Was ich den Menschen anbiete, ist eine Methode der Selbstbefragung, die ich The Work“ nenne. Sie besteht aus vier einfachen Fragen und dem, was ich als „Umkehrung“ bezeichne – eine Art, das Gegenteil dessen zu erleben, was du für wahr hältst. Menschen, für die „The Work“ neu ist, sagen mir oft: „Aber es würde mich schwächen, wenn ich mit meiner Auseinandersetzung mit der Realität aufhören würde. Wenn ich die Wirklichkeit einfach akzeptiere, werde ich passiv. Ich könnte sogar den Wunsch verlieren, zu handeln.“ Das beantworte ich mit einer Frage: Kannst du wirklich wissen, dass das wahr ist?“ Was gibt mehr Kraft – „Ich wünschte, ich hätte meinen Job nicht verloren“ oder „Ich habe meinen Job verloren, was kann ich jetzt tun“? „The Work“ zeigt auf, dass das, von dem du denkst, dass es nicht hätte geschehen sollen, geschehen sollte. Es sollte geschehen, weil es geschehen ist, und kein Gedanke in der Welt kann das ändern. Das bedeutet nicht, dass du darüber hinwegsehen oder es gutheißen sollst. Es bedeutet lediglich, dass du die Dinge ohne Widerstand und ohne das Durcheinander deiner inneren Kämpfe betrachten kannst. Niemand will, dass seine Kinder krank werden, niemand will einen Autounfall haben, aber wenn diese Dinge passieren, wie kann es da helfen, im Geiste gegen sie zu argumentieren? Wir müssten es besser wissen, und trotzdem machen wir damit weiter, weil wir nicht wissen, wie wir aufhören sollen. Ich liebe das, was ist – nicht weil ich ein spiritueller Mensch bin, sondern weil es weh tut, mit der Realität zu streiten, und solche Gefühle wie Ärger machen mich darauf aufmerksam. Die Wirklichkeit ist gut so, wie sie ist, denn wenn wir dagegen argumentieren, erleben wir Anspannung und Frustration. Wir fühlen uns nicht natürlich oder ausgeglichen. Wenn wir aufhören, uns gegen die Wirklichkeit zu stellen, wird unser Handeln einfach, flüssig, freundlich und angstfrei, und Ärgerals Hauptmotivator wird unzeitgemäß.

Wie kann uns ein Gedanke wütend machen? Kannst du ein Beispiel nennen, wie das funktioniert?

Byron Katie: Sicher. Einmal bin ich in einem Restaurant auf die Damentoilette gegangen, und aus der einzigen Kabine kam eine Frau heraus. Wir lächelten uns an, und als ich die Tür hinter mir schloss, begann sie zu singen und ihre Hände zu waschen. „Was für eine schöne Stimme!“, dachte ich. Als ich sie hinausgehen hörte, bemerkte ich, dass der Toilettensitz tropfnass war. „Wie kann man nur so unanständig sein!“, dachte ich. „Und wie hat sie es bloß geschafft, den ganzen Sitz vollzupinkeln? Hat sie darauf gestanden?“ Dann kam mir der Gedanke, dass sie ein Mann war – ein Transvestit, der im Damenklo Falsett sang. Während ich den Toilettensitz saubermachte, überlegte ich, ob ich ihr bzw. ihm hinterhergehen sollte, um ihm zu sagen, was für eine Schweinerei er angerichtet hatte. Dann spülte ich die Toilette. Das Wasser schoss aus der Schüssel heraus und überflutete den Sitz. Und ich stand einfach nur da und lachte. In diesem Fall war der natürliche Lauf der Dinge freundlich genug, meine Geschichte aufzudecken, bevor sie sich noch weiter entwickelte und ich in meinem Ärger auf diese Person zuging. Normalerweise ist das nicht so – bevor ich die Selbstbefragung entdeckte, wusste ich keinen Weg, um diese Art von Denken zu unterbrechen. Kleine Geschichten führten zu größeren, größere Geschichten führten zu bedeutenden Theorien über das Leben und wie schrecklich es war – undwas für ein gefährlicher Ort diese Welt war. Es endete damit, dass ich zu verängstigt und zu deprimiert war, um mein Schlafzimmer zu verlassen – ich isolierte mich, aß Eis und verbrachte mein Leben Tag für Tag vor dem Fernseher, um der Welt zu entfliehen, die ich mir ausgedacht hatte. Handelst du auf der Grundlage von unhinterfragten Theorien darüber, was gerade los ist, und bist dir dessen noch nicht einmal bewusst, dann befindest du dich in etwas, was ich „den Traum“ nenne. Oft wird der Traum zur Last, manchmal verwandelt er sich sogar in einen Alptraum. In solchen Momenten möchtest du vielleicht die Wahrheit deiner Gedanken überprüfen, indem du „The Work“ auf sie anwendest. Nach „The Work“ bleibt dir immer weniger von deiner unbequemenGeschichte übrig. Wer wärest du ohne sie? Wie viel von deiner Welt besteht aus unhinterfragten Geschichten? Du kannst es nicht wissen, bevor du nicht nachfragst.Wir wollen alle glücklich sein. Niemand will leiden. Ärger und Traurigkeit erscheinen so lange real und notwendig, bis du erkennst, dass alles Leiden daher kommt, dass du glaubst, was du denkst. Wie können wir diese Gefühle auslöschen, außer Alzheimer zu bekommen? Wir können es nicht. Wir haben es immer wieder versucht, mit Sex und Alkohol und Essen und Kreditkarten – und trotzdem kommen diese stressigen Gedanken immer wieder und verursachen Ärger undTraurigkeit, ganz gleich, wie wir sie auszulöschen versuchen. Manche Menschen versuchen am Ende diese Gedanken durch eine Packung Schlaftabletten zu vernichten, oder indem sie sich eine Kugel in den Kopf jagen. Ich sympathisiere mit ihnen. Ich habe früher auch gedacht, dass der einzige Ausweg sei, wenn mein Körper sterben würde. Ich kannte keinen anderen Weg. Liebe hat diese Kraft, und Liebe finden wir, wenn der Verstand sich selbst in Frage stellt. Der Ausweg ist derWeg nach innen, und ein Weg nach innen sind die vier Fragen und die Umkehr.

Stammen Ärger und Traurigkeit immer daher, dass wir an unsere Gedanken glauben?

Byron Katie: Immer. Und ich habe herausgefunden, dass es keine neuen aufreibenden Gedanken gibt – sie sind alle recycelt. Sie sind nicht individueller als dasselbe Fernsehprogramm, das alle anschauen. Ich habe entdeckt, dass Menschen überall in der ganzen Welt, in jeder Sprache und jeder Kultur, deswegen leiden, weil sie an die gleichen aufreibenden Gedanken glauben: „Meine Mutter liebt mich nicht“, „Ich bin nicht gut genug“, „Ich bin zu fett“, „Mein Mann sollte mich verstehen“, „Meine Frau hätte mich nicht verlassen sollen“, „Meine Kinder sollten ihre Socken aufheben“. Wer will schon schmerzhafte Gefühle? Ich liebe meine Gedanken und Gefühle, und sie bringen mich oft zum Weinen, aber das sind Tränen der Dankbarkeit. Und hätte ich je einen stressigen Gedanken, würde ich ihn sorgfältig genug überprüfen, so dass ich ihn nicht glauben müsste. Solch ein Gedanke würde keinen Stress verursachen, wenn er auftauchte, sondernGelächter. Und ich würde niemals jemanden bitten, nicht an seine Gedanken zu glauben. Das wäre nicht nur unfreundlich – es ist unmöglich für Menschen, nicht zu glauben, was sie glauben. Wir glauben so lange an das, was wir glauben, bis wir unsere Gedanken hinterfragen. So läuft das.

Wie kann „The Work“ unsere Geschichten verändern und unseren Ärger und Groll befreien?

Byron Katie: Niemand hat es je geschafft, sein Denken zu kontrollieren, obwohl mache Leute einem Geschichten davon erzählen, wie sie es gemacht haben. Ich lasse meine Gedanken nicht los – ich hinterfrage sie und begegne ihnen mit Verständnis. Dann lassen sie mich los. Hier ist ein Beispiel. Vor ein paar Jahren stand bei einer meiner öffentlichen Veranstaltungen in New York ein distinguiert aussehender, älterer Geschäftsmann auf und sagte, er wolle „The Work“ mit mir an seinem Geschäftspartner anwenden. „Ich bin wütend auf meinen Partner“, begann er, „weil er mich vor unseren Angestellten einen Querulanten genannt hat. Er hatte kein Recht, das zu tun. Er hat mein Ansehen beschädigt. Mein Partner sollte sich entschuldigen.“ „Ist das wahr?“, fragte ich. (Das ist die erste Frage von „The Work“) „Ja“, antwortete er. „Es ist wahr. Er hat mich beleidigt. Natürlich sollte er sich entschuldigen.“ Er war sich seiner Sache sicher. Aber er war ein intelligenter Mann und wollte wirklich von seinem emotionalen Schmerz befreit sein. Als ich ihm die zweite Frage von „The Work“ stellte – „Können Sie wirklich wissen, dass es wahr ist, dass Ihr Partner sich entschuldigen sollte?“ –, ging er in sich und schaute sich seine Behauptung genau an. Nach einer kurzen Stille sagte er: „Na ja, ich kann nicht wirklich wissen, wo er steht. Er glaubt wahrscheinlich, dass er Recht hat. Von daher lautet meine Antwort: Nein, ich kann nicht wirklich wissen, dass er sich entschuldigen sollte.“ Diese Antwort schien etwas in ihm zu lösen. Eine Behauptung, die er für wahr gehalten hatte, erschien ihm jetzt nicht mehr so offensichtlich wahr. Dann stellte ich ihm die dritte Frage: „Wie reagieren Sie, wenn Sie glauben, Ihr Partner müsste sich bei Ihnen entschuldigen?“ „Ich werde wütend“, sagte er. „Wenn er mit einer guten Idee ankommt, mache ich sie nieder. Ich kritisiere ihn hinter seinem Rücken. Wenn ich ihn sehe, gehe ich ihm aus dem Weg. Wenn ich nach Hause gehe, nehme ich den Groll mit und beschwere mich bei meiner Frau.“ Er begann also Ursache und Wirkung zu erkennen und den Stress, der daraus resultierte, dass er an einen Gedanken glaubte, der vielleicht überhaupt nichts mit der Realität zu tun hatte. Ich fragte ihn: „Wie würden Sie jemanden nennen, der die guten Ideen seines Partners niedermacht und ihn hinter seinem Rücken kritisiert?“ Er antwortete verblüfft: „Ach du lieber Himmel. Ich bin ein Querulant. Er hatte Recht.“ Als nächstes stellte ich ihm die vierte Frage: „Wer wären Sie ohne diesen Gedanken? Wer wären Sie bei der Arbeit mit Ihrem Partner, wenn Sie nicht glauben würden, er müsse sich entschuldigen?“ Und der Mann antwortete sehr sanft: „Ich wäre sein Freund. Ich würde wieder mit ihm zusammenarbeiten und unsere Firma würde davon profitieren. Ich wäre für jeden ein besseres Beispiel und zu Hause sehr viel glücklicher.“ Nach diesen Fragen bat ich ihn, den Gedanken umzukehren, um sein Gegenteil zu erfahren und zu schauen, ob es nicht wenigstens genauso angemessen wäre. „Ich sollte mich bei ihm entschuldigen“, sagte der Mann. „Ja, das kann ich sehen. Er hat mich vielleicht öffentlich beleidigt – obwohl ich mir dessen auch nicht mehr sicher bin –, aber ich kann sehen, dass ich privat gemein zu ihm war.“ Eine andere Umkehrung war „Ich sollte mich bei mir selbst entschuldigen“. „Ich solltemich bei mir selbst entschuldigen“, sagte der Mann, „weil es mich Geld gekostet hat, an diesen Gedanken zu glauben und so wütend zu werden. Und es hat mich einen Freund gekostet. Also schulde ich mir selbst eine Entschuldigung.“ Eine dritte Umkehrung, die er fand, war „Mein Partner sollte sich nicht entschuldigen“. „Selbst wenn mein Partner sich unangemessen oder schlecht verhalten hat durch das, was er sagte, erscheint es mir jetzt arrogant, zu glauben, er solle sich entschuldigen. Vielleicht hatte er nicht die Absicht, mich zu kränken, vielleicht war er einfach nur ehrlich, vielleicht wollte er wirklich ein guter Freund sein, indem er auf ein Problem hinwies, das der Firma schadete. Wie könnte ich wirklich wissen, dass er mir eine Richtigstellung schuldet?“All das geschah vielleicht innerhalb von fünf Minuten im Laufe eines Gesprächs, das etwa vierzig Minuten dauerte. Am Ende erschien der Mann außerordentlich erleichtert. Er war von einer verärgerten und aufgebrachten Haltung zu einer Position gewechselt, in der er mehr Verständnis für seinen Partner hatte, ein wenig mehr Demut und sehr viel mehr Zweifel daran besaß, ob er im Recht war. Wenn wir unsere Wahrnehmung ändern, ändern wir die Welt, die wir wahrnehmen. Ich verwende oft die Metapher von der Schlange und dem Seil. „The Work“ ist genauso: Du bist in der Wüste und siehst eine Klapperschlange, und du hast furchtbare Angst vor Schlangen. Also machst du einen Satz zurück, dein Herz rast und du bist gelähmt vor Angst. Dann schaust du genauer hin und erkennst, dass es nur ein Seil ist. Jetzt kann ich dich auffordern, tausend Jahre lang über dem Seil stehen zu bleiben und dir Angst zu machen. Es ist unmöglich. Du hast erkannt, was für dich wahr ist – ein Seil, keine Schlange –, und jetzt gibt es keine Chance, dich jemals wieder damit zu ängstigen. Womit wir arbeiten, sind die Schlangen in unserem Verstand, die aufreibenden Gedanken. Wenn du deinen stressigen Gedanken glaubst, sind sie wie Schlangen in deinem Kopf. Aber wenn du deine Gedanken hinterfragst, wirst du sehen, dass sie Seile sind. Stressige Gedanken haben die Tendenz, zurückzukehren, aber Stress können sie nur dannverursachen, wenn man an sie glaubt. Wenn wir nicht an ihn glauben, kann der Gedanke keinen Stress auslösen. Wenn der Geschäftsmann das nächste Mal denkt: „Mein Partner sollte sich entschuldigen“, wird er vielleicht laut lachen, so absurd kommt ihm der Gedanke vor.

Kannst du etwas dazu sagen, wie andere uns als „Spiegel“ dienen und wie ihre Eigenschaften oder Handlungen uns wütend machen, weil wir durch sie unsere eigenen, ähnlichen Defizite erkennen?

Byron Katie: Keine Eigenschaft oder Handlung kann uns wütend machen. Wir können nur dann wütend werden, wenn wir an einen unwahren Gedanken glauben, den wir auf den anderen projizieren. Wer „The Work“ macht, übernimmt völlige Verantwortung für sein eigenes Glück. Alles, was wir verändern müssen, ist unsere Art zu denken. Mehr können wir nicht ändern. Das sind sehr gute Neuigkeiten. Wir können erkennen, was wahr ist.Manche Leute fragen, ob „The Work“ für das passive Annehmen ihrer Beziehungen plädiert, wie schlecht sie auch immer sein mögen. Ich sage ihnen, dass „The Work“ für nichts plädiert. Wie auch? Es sind nur vier Fragen und eine Umkehrung! Das können die Leute manchmal nur schwer verstehen. „Wenn ich meinen Partner so liebe wie er ist“, sagen sie, „bedeutet das nicht, dass ich seine Fehler akzeptiere und bei ihm bleibe? Warum soll ich das in Kauf nehmen? Was, wenn er wirklich viele Fehler hat?“ Das ist eine interessante Frage. Schauen wir uns ein paar Beispiele an: „Er ist so rücksichtslos – er schleppt Dreck ins Haus, er setzt sich in seinen schmutzigen Arbeitshosen aufs frisch gemachte Bett und zieht sich die Schuhe aus, er hört nicht, was ich sage, weil er nur auf das Fußballspiel achtet.“ „Sie schnarcht.“ „Sie macht es nicht richtig.“ „Er hat rote Socken zur weißen Wäsche in die Waschmaschine gesteckt, und jetzt sind die weißen Sachen fürimmer pink.“ „Sie hat mit dem Sport aufgehört und zugenommen: Jetzt schau sie dir in diesemengen Kleid an!“ „Er verließ das Haus in seinen besten Klamotten, um zu einem Bewerbungsgespräch zu gehen, und hatte getrocknetes Ei im Bart.“Warum passieren solche Dinge? Zunächst ist es vielleicht nicht erkennbar. Aber wenn du dir etwas Zeit nimmst, wirst du sehen, dass es wunderbare Gelegenheiten sind, uns näher zusammenzubringen. Aber nicht, indem du passiv bist. Hier geht es um deine eigene Ermächtigung, deine Fähigkeit, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, mit den Augen derLiebe. Wenn du beispielsweise „The Work“ auf deinen Partner anwendest, wirst du erkennen, dass all deine Probleme von dir selbst stammen, weil es deine Gedanken sind, die dir sagen, wer er ist. Wenn du ihn als fehlerhaft wahrnimmst, kannst du sicher sein, dass du einen Platz gefunden hast, an dem du gerade mit der Realität streitest und blind bist für dich selbst. (Um diesen Ort aufzuspüren, achte einmal darauf, wobei du dich bei deinen Angriffen am rechtschaffensten und selbstgerechtesten fühlst.) Schauen wir uns den Ehemann mit dem Ei im Bart an. Du kannst ihn auf zwei Arten sehen. Bei der ersten glaubst du, er habe Fehler: „Oh Gott, er läuft mit Ei im Bart herum! He, warte! Du hast Ei im Bart! Was für ein Tölpel! Was hast du dir dabei gedacht – wasch das ab! Los, du bist spät dran! Hier, lass mich das machen, du kriegst es ja sowieso nicht hin! Warum muss ich dir eigentlich immer alles sagen? Du wirst diesen Job niemals bekommen. Du kannst einen so frustrieren – warum habe ich dich überhaupt geheiratet? Nein, lass das, ich will dich jetzt nicht küssen. Geh jetzt, raus hier.“Bei der anderen Art weißt du, dass Fehler gar nicht möglich sind: „Er geht aus der Tür und hat Ei im Bart. Das ist so komisch – er muss es echt eilig haben, wenn er so etwas Offensichtliches übersieht. Ich werde ihm das Ei abwischen, weil mir schon klar ist, warum uns so etwas passiert – oder zumindest mir. Es ist passiert, damit ich seinen Bart noch rechtzeitig sehen und den Tag retten konnte, klar. Jetzt können wir bei der Vorstellung, wie das Bewerbungsgespräch wohl mit Ei im Bart verlaufen wäre, zusammen lachen. Ich wische ihm jetzt das Ei ab, und das ist warm und liebevoll und komisch und intim. Ich glaube, ich habe ihm gar keinen Abschiedskuss gegeben, und das Ei hat es jetzt möglich gemacht. (Interessant, wie viel Zeit plötzlich da ist, wenn man glaubt, keine Zeit zu haben.) Und dann ist es mein Verdienst, wenn er den neuen Job kriegt!“

- Aus dem Amerikanischen von Susann Pásztor -

Über den Autor: Ralf Giesen arbeitet als NLP Lehrtrainer und Lehrcoach seit 1999 im eigenen Institut in Berlin. Er ist Vorstandsmitglied des DVNLP e.V. und seit Oktober 2006 als Director of European Operations and Facilitator Certification für Byron Katie International tätig. Aus diesem Grund hat er vorübergehend seinen Lebensmittelpunkt nach Kalifornien verlegt. www.ifapp.de

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