Der amerikanische Trainer Tom Best ist in beiden Welten zuhause: Seine langjährige Erfahrungen mit dem Schamanismus sind ebenso Grundlage für seine Seminare wie seine fundierten NLP-Kenntnisse. In seinem Gespräch mit Ralf Giesen nennt Tom Best einige gute Gründe dafür, warum NLP so etwas wie der "Schamanismus des 21. Jahrhunderts" ist - und welche Einsichten den westlichen Anwendern noch fehlen.
Ein Interview mit Tom BestSchamanismus und NLP: Wie passt das zusammen?In unseren Workshops zeigen meine Frau Bobbi und ich, wie wir die Fertigkeiten, Modelle und Prinzipien des NLP zur Erforschung der Welt des Schamanismus nutzen können. Dahinter steckt die grundliegende Erfahrung, dass das Universum seine Lehren stets spontan auf uns Menschen überträgt. In den Workshops wenden wir unsere persönlichen Erfahrungen mit NLP an, um anderen Menschen zu helfen, ihre Wahrnehmungsinstrumente zu reinigen, zu öffnen und zu klären. Und wir nutzen unsere Erfahrungen mit dem Schamanismus, um sie dabei zu unterstützen, an höheren Ebenen des menschlichen Daseins teilzuhaben.Die Ureinwohner Amerikas haben es in ihrem Wunsch nach Weisheit, Wissen, Stärke und Gesundheit geschafft, lebendige Modelle des "Kontexts aller Kontexte" zu schaffen: des Kosmos. Von den Indianern des nordamerikanischen Medizinrads über die Religion der Ureinwohner Hawaiis bis zu den Energiewelten der Anden: diese Modelle, dieses Verständnis der Welt leistet seinen Schöpfern einen großartigen Dienst bei der Suche nach Harmonie zwischen der Welt als Ganzem und dem persönlichen Erfolg jedes Einzelnen.Mit Hilfe des Neurolinguistischen Programmierens entdeckten wir Möglichkeiten und Wege, archetypische Muster der Transformation in spezifische Fähigkeiten zu übersetzen. Sie können genutzt werden, um das moderne Leben zu erleichtern. Die Integration der beiden Weltanschauungen bestätigt die Realität, wie wir sie erleben, auf einmalige Weise: Durch das Anpflanzen ursprünglicher Samen in einem modern angelegten Garten ist es möglich, einen neuen Baum des Bewusstseins wachsen zu lassen.Was genau ist Schamanismus eigentlich?Die Historiker liefern eine sehr akademische Definition des Schamanismus. Sie bezeichnen ihn als "archaische Technik der Ekstase". Der Begriff des Schamanen taucht aber ebenso auf, wenn es um eine Weltanschauung geht, in der Bildung, Landwirtschaft und die Zähmung von Tieren eine große Rolle spielen. Der Historiker Eliade hat das Wort "Schamane" vom Volk der Tungus aus Zentralsibirien übernommen. Er entdeckte und kodifizierte ein kulturelles Phänomen: das schamanistische Bewusstsein, das noch immer unsere Welt durchdringt.Dieser archaische Zustand wird in der technologischen Gesellschaft ignoriert und unterdrückt, da er ein Leben unabhängig von Geld, externer Autorität, linearer Zeit, Egoismus oder dem Vorrang des menschlichen Daseins als Krönung der Evolution verlangt. Glücklicherweise gibt es neben jenen von uns, die noch immer mit dem schwerfälligen und unhandlichen Vermächtnis von Descartes und Newton kämpfen, auch echte Praktiker dieser "archaischen Technik der Ekstase".Die Qualitäten des schamanistischen Bewusstseins sind zahlreich und vielfältig. Der Quantenphyisker Fred Alan Wolf behauptet in einer interkulturellen Studie, dass es neun grundlegende Sichtweisen gibt, die alle Schamanen teilen:1. Alle Schamanen betrachten das Universum als durch Schwingungen geschaffen.2. Schamanen sehen die Welt in Begriffen von Mythen und Visionen, die auf den ersten Blick gegen die Gesetze der Physik sprechen.3. Schamanen nehmen die Realität in einem Zustand des veränderten Bewusstseins wahr.4. Schamanen nutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, die Glaubenssätze eines Patienten zu verändern.5. Schamanen nutzen alles, was physikalisch bedeutsam ist und betrachten alle Ereignisse als miteinander verknüpft.6. Schamanen treten in parallele Welten ein.7. Alle Schamanen arbeiten mit dem Wissen und Glauben an eine höhere Kraft.8. Schamanen nutzen Liebe und sexuelle Energie als heilende Kräfte.9. Schamanen betreten die Welt der Toten, um ihre Sichtweise auf die lebende Welt zu verändern.Woher kommt Dein Interesse für die Entwicklungen im Bereich des Schamanismus?Tatsächlich habe ich schon viele Jahre, bevor mein Interesse an NLP geweckt wurde, mit der Erforschung des Schamanismus begonnen. Meine erste Begegnung damit war vor ungefähr 35 Jahren, als ich einen alten Pueblo-Indianer namens Juan Gomez aus der Künstlerkolonie Taos in New Mexico traf. Ich nahm gerade an meiner ersten Zeremonie in einer Kirche von eingeborenen Amerikanern im ländlichen New Mexico teil. Die Erfahrung war tiefgreifend - eine wahre Öffnung vieler "Pforten der Wahrnehmung". Es war eine ungemein intensive Nacht mit Trommeln, Rasseln, Gebetsliedern und Visionen mit der Peyote-Droge. Als ich bei Sonnenaufgang das Indianerzelt verließ, fühlte ich mich verloren in einer Welt aus Verwirrung und Zweifeln. Ich wusste nicht, ob das, was ich in der letzten Nacht erlebt hatte, der Realität entsprach oder nicht.Juan - ein sehr kleiner und sehr, sehr alter heiliger Indianer - kam zu mir und schaute mir in die Augen wie ein Berglöwe ein Kaninchen anstarrt. Langsam hob er seine knochige Faust und schlug dreimal schmerzhaft gegen meine Brust direkt oberhalb meines Herzens. Dabei rief er die Worte: "Nicht den halben Weg! Nicht den halben Weg! Nicht den halben Weg!" Meine Augen rollten zurück in meinen Kopf, die Welt begann sich um mich herum zu drehen und... es änderte sich einiges in meinem Leben. Plötzlich verstand ich, dass ich bis dahin tatsächlich in gewisser Weise halbherzig gelebt hatte, nicht wirklich vollständig überzeugt bzw. nicht vollständig verschrieben, mein Leben auf meine Weise zu leben. Ich begriff, dass es da noch eine andere, viel tiefere Intensität des Lebens gibt.Nach diesem Ereignis studierte ich den Schamanismus von Hawaii, die Zeremonien und Rituale der Huna, der Hopi und Navajo-Indianer, einige andere schamanistische Wissenschaften aus Mexiko - und seit einigen Jahren arbeite und forsche ich auch mit den Schamanen der Anden in Peru.Und wie bist Du später mit NLP in Kontakt gekommen?Zum neurolinguistischen Programmieren kam ich durch mein Interesse an den sogenannten primitiven Kulturen. Als ich 1981 das erste Mal von NLP hörte, beendete ich gerade an der Universität mein Studium der kulturellen Anthropologie und der Religionswissenschaften. Von den Modellen der klassischen Anthropologie war ich enttäuscht, da sie mir nur sehr wenig über das Bewusstsein der traditionellen Menschen sagen konnten - also über die Art wie sie ihre Welt wahrgenommen haben. NLP erleuchtete augenblicklich die Dunkelheit dieser inneren Welt. Ich entdeckte beispielsweise, dass die NLP-Technik "New Behavior Generator" große strukturelle Ähnlichkeiten mit einer Zeremonie der Navajo-Indianer aufweist, bei der sie bestimmte Symbole in den Sand malen.Ich war schon immer neugierig und auf der Suche nach dem, was wir im Allgemeinen "die subjektive Erfahrung" nennen. Meine eigene Erfahrung basierend auf der "Beweiskraft" meiner Sinne, lässt mich nun schlussfolgern, dass es Menschen gibt, die wiederum die subjektiven Erfahrungen haben, dass sie mit Vögeln kommunizieren, den Bergen zuhören, dass sie dem Ruf des Windes folgen und Informationen durch das Betrachten von leuchtenden Energiefäden gewinnen, die ihnen helfen, andere Menschen zu heilen.In welchem Zusammenhang stehen für dich nun das Studium des Schamanismus und NLP?In vielerlei Hinsicht halte ich NLP für den Schamanismus des 21. Jahrhunderts: Du reist durch die Zeit mit Hilfe deiner Time-Line, du begibst dich in einen dissoziierten Zustand oder wechselst in eine Du-Position. Du erforschst innere Regionen der Psyche mit verschiedenen NLP-Techniken. Das alles sind zugleich auch Fähigkeiten des Schamanismus. So wie beim NLP ist Schamanismus eine Brücke zwischen deiner Gegenwart und deinem Potential. Es erlaubt dir, das Selbst als Instrument zu reinigen und unterstützt die Anteilnahme an den höheren Ebenen menschlichen Daseins.Vor ein paar Jahren haben John Grinder und Judith Delozier etwas gesagt, das mein Interesse weckte. In ihrem Buch "Der Reigen der Daimonen" heißt es: "Immer wenn wir versuchen, unbeschädigte traditionelle Kulturen nach den Ursprüngen ihrer Balance und Ästhetik zu erforschen, dann nehmen wir dabei implizit an, dass diese Kulturen in einer Art und Weise organisiert sind und eine Weisheit besitzen, die in unserer Gesellschaft nicht existiert und uns fremd ist. [...]"Als ich die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen NLP und traditionellen Weltanschauungen untersuchte, begann ich auch das "zivilisatorische Programmieren" der technologischen, modernen Gesellschaften zu erforschen, indem ich sie mit der Weltanschauung der amerikanischen Ureinwohner und der Topographie ihrer Heiligenbilder verglich. Ich griff auf die unterschiedlichsten Kulturen zurück und nutzte viele verschiedene Quellen, um bestimmte Muster der Balance, Harmonie und Ganzheit zu untersuchen. Die kulturellen, besonders die schamanistischen Weisheiten der Indianer der nordamerikanischen Tiefebene, der Hawaiianer und besonders der Indianer der Hochland-Anden waren dabei mein Leitmotiv.All dies tat ich, weil ich während der recht langen Zeit, die ich in der NLP-Trainer-Gemeinschaft verbrachte, eine signifikante Veränderung in der Welt des NLP wahrnahm. Viele NLP-Anhänger hatten realisiert, dass die bloße Arbeit mit Techniken lediglich eine blasse Oberfläche auf dem Hintergrund des Bewusstseins bildete. Einige Anwender vermuteten, dass es da eine weitere, evolutionäre Entwicklungsstufe des NLP geben musste. Sie hatten erkannt, dass wir als westlich-industriell geprägte Gesellschaft nicht nur Landkarten des Territoriums kreiert haben, sondern bereits in sie eingetreten sind und oftmals in ihnen verlorengehen.Und nun versuchen wir, das Territorium auf Distanz zu halten, um uns in Ruhe Landkarten von unseren Landkarten machen zu können. Die Konsequenzen dieser Entkoppelung von der "Weisheit des vollständigen Kreislaufes", wie Gregory Bateson es formulierte, können überall um uns beobachtet werden: Die stete Vernichtung der Umwelt, die Auslöschung von Arten und das Eskalieren von geo-politischen Konflikten. Bei vielen Menschen hat diese Entwicklung zu einer fehlenden Verbindung zum Leben und zu einem Verlust der schöpferischen Kraft geführt.Und was sind die wichtigen Unterschiede zwischen NLP und Schamanismus?Greifen wir dazu noch einmal auf Grinder und DeLozier zurück und fragen uns: Welche Weisheiten existieren in diesen Zivilisationen, die in unserer Gesellschaft nicht vorhanden sind, die uns fremd sind? Um diese Frage zu beantworten, greife ich auf meine persönlichen Erfahrungen mit dem Schamanismus zurück und nutze das bekannte NLP-Modell der logischen Ebenen, das weit verbreitet ist und sowohl als diagnostisches Instrument wie auch als strukturelle Repräsentationshilfe für potentiell auf Heilung ausgerichtete Individuen dient: von der Umwelt und dem Verhalten, über Fähigkeiten, Überzeugungen und Werte bis hin zur Identität und Spiritualität in einer Art aufsteigender linearer Hierarchie.Der bedeutsamste Unterschied zwischen der Welt der Ureinwohner und der Welt der technologischen Gesellschaft ist der Bezug zur Umwelt. Vieles, wenn auch nicht alles, im NLP stammt aus dem Prinzip der "eigenen Landkarte des Territoriums" und wurde geschaffen, um in einer Umwelt angewandt zu werden, von der wir im Grossen und Ganzen losgelöst leben. Die operationale Voraussetzung dieser Grundannahme des NLP ist hier also die Tatsache, dass wir von der Natur getrennt leben können. Die Umwelt - sei es ein tropischer Strand, deine Autobiographie, dein Chef, deine Beziehungen oder die Stimmen in Deinem Kopf - ist etwas, das beherrscht und manipuliert werden kann, wenn Du die Leiter der Er- und Beleuchtung und Transzendenz oder ganz einfach eines besseren Lebens emporsteigst.Hier liegt jedoch andererseits das Schlüsselprinzip der schamanistischen Welt: Die Umwelt wird durch die Spiritualität definiert. Alles hat einen Geist: Das Wasser, die Berge, die Vögel, der Wind, die Sonne, der Mond. Und sie alle gehören zur Familie - so wie wir! Und sie alle haben eine Existenzberechtigung in unserer Welt, wie wir sie wahrnehmen. Wir alle sind eingeschlossen in dieser Realität.Wenn wir also auf der Suche nach dieser Weisheit sind, die unsere technologische Kultur nicht besitzt, dann wird offensichtlich, dass in Kulturen, die nach den Prinzipien des Gleichgewichts und der Ästhetik leben, diese Eigenschaften innerhalb der Umwelt entspringen - einer Umwelt die heilig ist und in der alle Dinge miteinander in Verbindung stehen.Welche Bedeutung hat es für den NLP-Anwender, sich mit dem Studium dieser "Landkarten" anderer Kulturen und Zivilisationen zu beschäftigen?Im Laufe unserer Entwicklung scheint die Welt um uns herum immer kleiner und bedrohlicher zu werden. Zugleich wird für uns als globale Mitglieder der Gesellschaft das Bedürfnis nach Verständnis größer. Dafür braucht es die Würdigung der Einzigartigkeit unserer Umwelt. Wir müssen fähig sein, hinter die Maske unseres isolierten Egos zu schauen und die reichhaltigen Rituale der unterschiedlichsten Kulturen zelebrieren, die uns die Welt um uns herum anbietet. Auf unserem wundervollen Planeten gibt es Menschen, die mit Steinen reden, die dem Regen zuhören, die von Bäumen lernen, die die Geheimnisse der Wasserfälle und Wellen kennen... Diese Menschen leben - und sie leben mitten unter uns. Ihre einmalige Art des Bewusstseins ist eine enorme Ressource für unsere heutige Welt.Schamanistisches Bewusstsein ist ein gezieltes und beabsichtigtes Muster aus Gedanken und Verhalten. Es wurde geschaffen, um den Verstand zu schärfen, um Köper und Geist zu integrieren, den analytischen und sicheren Filter zu umgehen und um einen spezifischen heilenden und helfenden Zweck zu erfüllen. Schamanistische Weisheiten erlauben dir, in einer Welt zu leben, in der alles lebendig ist, alles einen Geist hat und alles bedeutungsvoll ist. Sie bringen eine Erfahrung mit sich, die einen unermesslichen Reichtum im Leben eines Menschen bedeuten kann.
Ralf Giesen
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Quelle: Multimind, April 2002, S. 14-18.