Spätestens seit Ende der achtziger Jahre war die kreative Anfangszeit des NLP vorbei - oder zumindest ausgeblichen. Immer mehr Prozesse, Techniken und Formate entstanden für neue und alte Problemstellungen. Diese Entwicklung, die ich als vernehmlich linear beschreiben würde, hat uns ein "immer mehr des Gleichen" besch(w)ert, wie der Inhalt der rasant wachsenden Zahl an Veröffentlichungen zeigt.

Gleichzeitig verkommen innovative Seminare, deren Inhalte sich mit jeder neuen Lerngruppe änderten, mancherorts zu stereotypen Lehrgängen, in denen der Lernerfolg daran gemessen wird, ob die Teilnehmer die Reihenfolge der Schritte einer Technik kennen. Während die Grundgedanken des NLP und systemisches Denken fortwährend Einzug in den Alltagshirngebrauch gehalten haben, fuhr der NLP-Zug eher in die entgegengesetzte Richtung. Bateson hätte sicher nicht allzu viele Fische unter NLP-Trainern verteilt. Der NLP-Entwickler Charles Faulkner hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesbezüglich eine Trendwende einzuleiten. Im englischsprachigen Raum ist er schon lange als innovativer und kreativer Kopf des NLP bekannt. Und es scheint, als fänden seine Beiträge zur Weiterentwicklung des NLP nun auch hierzulande gebührendes Interesse. Seine Arbeit macht Hoffnung auf einen qualitativen Sprung. Mit Feuereifer bastelt er an einem komplexen und umfassenden Modell, das die Elemente des NLP zusammenfasst und in Beziehung zueinander setzt. Aus einem Modell subjektiver Erfahrung wird das Modell des Modells, ein Modell, für das er bereits einen neuen Begriff geschaffen hat: Perceptual Cybernetics®. In Perceptual Cybernetics sind Techniken und Prozeduren out, die Eroberung zusätzlicher Wahrnehmungsräume ist in. Faulkner überholt das herkömmliche Konzept des Trainings und der Veränderungsarbeit. Mit "Trimurti®" hat er ein Spiel entwickelt, das hilft, diese Ideen im Coaching und Training einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ralf Giesen: Charles, was ist neu, was ist anders an Perceptual Cybernetics? Charles Faulkner: Perceptual Cybernetics stellt das anerkannte Trainingsparadigma auf den Kopf. In den meisten Trainings, NLP eingeschlossen, besteht die Vorannahme, dass die Teilnehmer nur Neues lernen. Es ist die Aufgabe des Experten, des Trainers, sie an neues Verhalten heranzuführen. Wenn sich ein Teilnehmer nicht für ein anderes, sondern für eines meiner Seminare entscheidet, sich anmeldet und teilnimmt, weiss er offensichtlich einiges über Ziele, Motivation und Entscheidungen. Würde ich so lehren, als wüssten sie nichts darüber, untergrübe ich ihr Vertrauen in die eigene Erfahrung. Charles und RalfWichtig für die Entwicklung von Perceptual Cybernetics ist ausserdem die Tatsache, dass Menschen die zusätzliche Fähigkeit haben, über das Beibringen und Einstudieren hinaus bewusst ihre Wahrnehmung zu verlagern, wie es bei optischen Täschungen passiert. Was wäre, wenn unsere Wahrnehmung unsere Modelle der Welt, unser Ankern, unsere Strategien oder das Reframing in einem Moment oder einer Serie von Momenten erfassen könnte? Dann ginge es eher um eine Ausbildung unseres Bewusstseins in Bezug auf das, was wir bereits tun, und darum, es besonnener zu tun! Ralf Giesen: Was ist der Ansatz von Perceptual Cybernetics in der Veränderungsarbeit? Charles Faulkner: Während ich Perceptual Cybernetics nutzte, wurde mir bewusst, dass die Techniken des NLP in Bezug auf ihre Resultate positive Beispiele dessen waren, was Menschen ohnedies die ganze Zeit tun: Ankern, Strategien ausführen, reframen, metaphorisieren, sowohl ihre eigene Erfahrung als auch die von anderen. Als ein Werkzeug der Wahrnehmung ließ Perceptual Cybernetics mich wahrnehmen, in welchen Wahrnehmungsräumen ein Klient sich bewegte, und ihn in jene Räume führen, in denen er sich nicht bewegte. Diese Wahrnehmungsräume seiner Erfahrung ergaben sich aus einer spezifischen Konfiguration der Meta-Programme. Die Ermutigung zu einer Veränderung der Konfiguration hatte oft eine spontane Reorganisation auf einem sehr eleganten und ökologischen Weg zur Folge. Mein Leitsatz wurde: Was immer du machst, mach was Neues! Ralf Giesen: In welcher Form verändert dies das herkömmliche Training? Charles Faulkner: Ich will das Unterrichten dem Lernen unterordnen. Ich habe über die Jahre immer wieder die Trainerbühne verlassen, um andere Wege zu finden, das Bewusstsein des NLP unter den Teilnehmern zu versprühen. Dabei habe ich Methoden aus der Kampfkunst, Feldbegehungen der "Realen Welt" und verschiedene Bewusstseins-Spiele einbezogen. Es war mir von Anfang an klar, dass der Trainer-Teilnehmer-Austausch eine langsame Lernfrequenz zur Folge hat. Im Gegensatz dazu sind geeignete Spiele in der Relgel schneller, und sie lehren zahlreiche Fertigkeiten gleichzeitig. Es ist nicht verwunderlich, dass Bill Gates in seinen Studienzeiten ein begeisterter Kartenspieler war. Beim Kartenspielen kannst du lernen, finanzielle und andere Risiken zu meistern, andere zu kalibrieren, zu bluffen, Strategien zu entwickeln. Du bekommst zahlreiche Beispiele und Feedback in einer relativ kurzen Zeit. Spiele sind ausgezeichnete Unterrichtsinstrumente. Ralf Giesen: Also unterstützt Trimurti diesen Ansatz? Charles Faulkner: Trimurti ist die Zuspitzung dieses Ansatzes. Zu Beginn habe ich Perceptual Cybernetics frontal unterrichtet und organisiert. Seit ich herauszufinden beginne, wie ich mehr von dieser Bewusstheit in selbstgeleiteten, selbstbestimmten Entdeckungseinheiten verfügbar machen kann, nimmt der Traum von Perceptual Cybernetics in Gestalt der Spiele und Übungen von Trimurti Form an. Jetzt habe ich die Mittel, die Wahrnehmungs-Landschaften zu kartieren, die wir alle in uns haben. Die Trimurti-Spiele ermöglichen das und machen den Weg frei für die nächste Ebene der Musterbildung. Erfahrung hat eine Struktur. Und es ist sehr aufregend, dass wir lernen können, sie zu sehen, die immer schon da war.

Quelle: Multimind, 05|2001, S. 46-47.

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